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Stellungnahme und Interview zum sexuellen
Missbrauch: 30.3.2010
Wir stehen erst am Anfang der Debatte
Psychologen greifen in aktuelle Missbrauchs-Diskussion
ein
Psychologinnen und Psychologen befassen sich mit
dem Thema Missbrauch zum Teil als Therapeuten,
zum Teil als Schulpsychologen, als pädagogische
und Sozialpsychologen. Aus aktuellem Anlass führte
die Chefredakteurin von "report psychologie",
der Fach- und Mitgliederzeitschrift des Berufsverbandes
Deutscher Psychologinnen und Psychologen ein Gespräch
mit dem Vizepräsidenten des BDP, Laszlo
Pota sowie Stefan Drewes* und Prof.
Dr. Siegfried Preiser*.
Schaut man auf die in den vergangenen Wochen bekannt
gewordenen Missbrauchsfälle, dann entsteht
der Eindruck, Missbrauch habe es in einer bestimmten
Phase gegeben, davor kaum und danach nicht mehr
oder in viel geringerem Umfang. Und wenn man einzelnen
kirchlichen Würdenträgern folgt, dann
sowieso erst nach der sexuellen Revolution. Wie
sehen Sie das?
Laszlo Pota: Ein Blick in die Geschichte
genügt, um das zu widerlegen. Päpste,
Kaiser, Könige und Adlige hatten ein Recht
auf Missbrauch in Form der Entjungferung von Mädchen.
Grausamste Arten von sexueller Gewalt hat es auch
bei Kreuzzügen und Kriegen gegeben - teils
aus religiösen Gründen, teils aus Siegermentalität
heute noch. Nicht nur in der Katholischen Kirche
wurde "das Weib" über Jahrhunderte
gleichgesetzt mit Sünde und Verführung
und damit dem Missbrauch Vorschub geleistet. In
manchen Kulturen gelten Mädchen bis heute
als minderwertig. Kinder werden als Besitz betrachtet,
mit denen alles gemacht werden kann. Mit sexueller
Revolution hat das nichts zu tun.
Als Täter werden fast ausnahmslos Männer
ausgemacht. Zufall oder statistisch erwiesen?
Pota: Früher waren die Täter
meist Erwachsene und meist Männer. Auch heute
ist die Mehrheit der Täter männlich.
Allerdings registrieren wir immer häufiger
auch Jugendliche als Täter, darunter auch
Mädchen.
Für viele Menschen ist unverständlich,
warum Missbrauchte schweigen, oft über Jahrzehnte.
Worin sehen Sie die Ursachen?
Pota: Früher wurden Betroffene
oft als "selber Schuld" oder "Lügner"
dargestellt. In manchen Kulturen bedeutete die
Vergewaltigung sogar ein Todesurteil, also schwiegen
geschändete Frauen. Heute fehlen den Betroffenen
vertraute Gesprächspartner. Durch Trennungen
und Scheidungen löst sich der Familienverbund
immer schneller auf; Kinder und Jugendliche haben
oft keinen mehr, der in ihren Augen stets zu ihnen
steht und auf alles eine Antwort weiß.Unsere
egomane Gesellschaft schaut oft nur oberflächlich
hin und registriert erst viel zu spät Signale
und stumme Hilferufe.
Stefan Drewes: Kinder erleben zumeist
sich selbst als schuldig an dem Missbrauch, da
die erwachsene Vertrauensperson nicht "schlecht"
sein kann. Oft definieren sie das Geschehene aber
auch nicht als Missbrauch. Ein ungutes Gefühl
wird zwar wahrgenommen, lässt sich aber nicht
eindeutig definieren. Je nachdem, mit wie viel
Gewalt der Missbrauch verbunden war, verblasst
die Erinnerung langsam oder wird stark mit Scham
besetzt. Bei Jungen kommt zudem das Bestreben
in der Pubertät hinzu, sich selbst als stark
zu erleben. Schwächen werden als erheblicher
Verlust der eigenen Autonomie und des Selbstbewusstseins
erlebt
Siegfried Preiser: Eine Ursache
sehe ich auch in der Erfahrung oder der Angst,
nicht ernst genommen zu werden, als "beschmutzt"
zu erscheinen oder gar als Mit-Täter beschuldigt
zu werden. Diese Angst ist berechtigt aufgrund
von zwei Mechanismen: 1. Das Streben nach kognitiver
Konsonanz. Das bedeutet: Informationen, die nicht
zum bisherigen Bild, in diesem Fall der positiven
Meinung über Lehrer, Pfarrer, Reformschulen
und Kirche passen, werden ignoriert, abgewehrt
oder als unglaubwürdig abgestempelt, damit
das konsistente Weltbild nicht zerstört wird.
2. Der Glaube an eine gerechte Welt: Viele Menschen
sind überzeugt, dass es auf der Welt letzten
Endes gerecht zugehen muss. Wenn sie nun Zeugen
einer Ungerechtigkeit werden und dem Opfer nicht
(mehr) helfen können, tendieren sie dazu,
dem Opfer eine Mitschuld zu geben ("blaming
the victim"), weil dann die subjektiv wahrgenommene
Ungerechtigkeit nicht mehr so groß ist.
Wie schwierig ist es für Opfer, geschätzte
Vorbilder einerseits anzuerkennen, ja zu idealisieren
und sie dann als Täter zu erleben? Welche
Folgen kann das haben?
Drewes: Hier liegt die besondere
Problematik des Missbrauchs in pädagogischen
Abhängigkeitsverhältnissen. Der Erwachsene
wird als besondere Vertrauensperson wahrgenommen
und bewundert. In den aktuell diskutierten Fällen
kam es gerade in sehr vertrauten pädagogischen
Beziehungen zu Übergriffen, die durch eine
große Nähe entstanden sind. Gerade
in intensiven pädagogischen Beziehungen mit
einem Abhängigkeitsverhältnis und der
Erwartung an den Erwachsenen, sich ganz einzulassen
und eigenes Leben zurückzustellen, besteht
die Gefahr, dass es zu Missbrauch ohne direkte
Gewalt kommt. Gerade in solchen Konstellationen
braucht es emotional starke Erwachsene, die eine
professionelle Distanz leben können.
Pota: Die Täter sind ganz selten
Fremde, in den meisten Fällen besteht ein
Vertrauensverhältnis, das ein Erkennen der
Gefahr erschwert. Bis zuletzt wird dem Täter
und gleichzeitig womöglich wichtigsten Menschen
eine solche Ungeheuerlichkeit nicht zugetraut.
Gerade das aber macht das Erlebte zum "zum
Nicht-Geschehenen" auch in der eigenen Gedankenwelt.
Folgen sind Rückzug, Zweifel an sich Selbst,
Trauer und Wut, die aber in sich hineingefressen
wird.
Woraus erwächst das Gefühl eigener Schuld
oder Mitschuld, von dem Missbrauchsopfer sprechen?
Drewes: Der Erwachsene wird als
unfehlbar und von allen anderen bewundert gesehen
- oft auch von den Eltern des Kindes. Das Kind
fühlt sich ausgewählt von diesem besonderen
Menschen. Dieser Mensch kann eigentlich nichts
Falsches tun, somit muss das Kind selbst Schuld
tragen und diesen zu seinem Handeln verführt
haben. Im Erwachsenenalter müssen betroffene
Kinder meist erst lernen, das Erlebte als Missbrauch
zu definieren.
Preiser: Dies Gefühl erwächst
m.E. aus der Erkenntnis, Befriedigung der Neugier,
des Zuwendungs- und Anerkennungsbedürfnisses
erfahren zu haben, vielleicht auch sexuelle Lust.
Der Missbrauchte empfindet Scham darüber,
nicht stark genug in der Abwehr gewesen zu sein,
sich emotional bzw. aus Angst verstrickt zu haben.
Wer ist besonders gefährdet ein Opfer zu
werden?
Preiser: Kinder mit Defiziten in
der Zuwendung und Anerkennung, Kinder mit niedrigem
Selbstbewusstsein und Kinder, die nicht NEIN zu
sagen gelernt haben, sind besonders häufig
betroffen.
Pota: Das sehe ich genauso. Es sind
junge Menschen, die wenig Selbstbewusstsein haben,
ängstlich und unsicher sind. Ihnen fehlt
Halt durch Angehörige oder Freunde; nicht
selten haben sie bereits Gewalt erfahren.
Wie wichtig ist es, Kinder das Nein-Sagen zu lehren?
Drewes: Nein-sagen, wenn es notwendig
ist und nein-sagen in einer angemessenen Form
- das müssen Kinder lernen. Eltern müssen
das dann aber auch zulassen. Nein-sagen kann nämlich
auch einmal heißen: Nein zu Hausaufgaben.
Es geht darum, dem eigenen Bauchgefühl zu
trauen und nicht alle Erwartungen erfüllen
zu wollen.
Pota: Wichtig ist es, einen jungen
Menschen von klein auf die Chance zu geben, ein
emanzipiertes, selbst- wie mitverantwortlich handelndes
Mitglied der Gesellschaft zu werden. Dazu brauchen
Kinder eine behütete und gleichzeitig freie
Atmosphäre, klare Normen und Werte. Dazu
gehören auch das NEIN und auch das GEHT NICHT
bis zur Abwehr.
Wem vertrauen sich Missbrauchsopfer am ehesten
an? Über welche niedrigschwelligen Angebote
müsste man deshalb nachdenken? (interessant
ist für mich, dass viele mit Mitschülern
geredet haben, das aber ohne Folgen blieb)
Preiser:
Ansprechpartner sind häufig Freundinnen und
Freunde, Mitschüler oder Geschwister. Deshalb
brauchen wir niedrigschwellige Angebote nicht
nur für Opfer, sondern auch für Mitschüler
und Lehrkräfte. Ich kann mir eine Anlaufstelle
analog den Streitschlichtermodellen vorstellen.
Drewes: Es bedarf einer Kette von
Ansprechmöglichkeiten: Freunde und Freundinnen,
die wiederum selber Ansprechpersonen haben in
Form von Beratungslehrern und Schulsozialarbeitern,
außerdem Schulpsychologen - sowohl schulnah
als auch schulextern. Und auch spezialisierte
Beratungsstellen, die auch anonym beraten und
forensisch Beweise sichern können. Aber auch
Aufklärung über Internet-Pädophilie.
Pota: Ich arbeite in einer Fachklinik
für suchtkranke Kinder und Jugendliche. Fast
immer gehören Gewalt, sexuelle Übergriffe,
Missbrauch oder Vergewaltigung zu den Ursachen
für die Sucht. Erst in der Therapie bei der
Aufarbeitung der Anamnese werden diese Themen
in einem vertrauensvollen Schonraum angesprochen.
Es ist wichtig, den Betroffenen einen akzeptierenden
und vertrauensvollen wie tragenden Beziehungskontext
anzubieten.
Einige Opfer haben die Abwendung von der eigenen
Familie als eine Folge des Missbrauchs geschildert.
Ist das typisch?
Pota: Angehörige werden oft
selbst mit dem Erzählten nicht fertig. Auch
für sie war der Täter häufig eine
Vertrauensperson, und sie plagen sich mit Schuldvorwürfen,
das Kind ihm/ihr anvertraut zu haben. Diese Reaktion
sind zum eigenen Schutz verständlich, für
Betroffene jedoch fatal.
Welche Symptome belasten Opfer noch Jahre, wenn
nicht lebenslang?
Drewes: Neben den vielen möglichen
Symptomen möchte ich vor allem die Unfähigkeit
nennen, sich auf tiefe Beziehungen einzulassen
und Vertrauen aufzubauen. Bei betroffenen Jungen
oft auch die Unfähigkeit, Nähe, insbesondere
zu männlichen Bezugspersonen, überhaupt
zuzulassen.
Pota: Jede Art von Gewalt und erst
recht Missbrauch führt zu Traumata, die ein
Leben lang nachwirken und Symptome wie z. B. Alpträume,
Schlaflosigkeit, Angstattacken, Verunsicherungen,
Panik vor Nähe, sexuelle Probleme, Essstörungen,
Kontakt- und Beziehungsstörungen, Leistungsstörungen,
Selbstzweifel auslösen und bis zum Suizid
führen können.
Durch die vielen Fälle, die in den vergangenen
Wochen bekannt geworden sind, entsteht im Moment
der Eindruck, kirchliche Einrichtungen seien besonders
stark betroffen. Aber geht es nicht vielmehr um
bestimmte Räume, in denen besondere Nähe
existiert, wie in der Familie, aber eben auch
in Internaten, Landschulheimen, pädagogische
Inseln, Sportvereine u.ä., wo Lehrer nicht
nur Wissensvermittler, sondern Kameraden sind?
Preiser: Ja, deshalb muss professionelle
Nähe durch klare Regeln, (wie in der Psychotherapie)
und durch Transparenz abgesichert werden. Und
offenbar liegt hier eine Aufgabe für Pfarrer-
und Lehrerausbildung vor.
Drewes: Überall dort, wo es
zu großer körperlicher oder emotionaler
Nähe kommt und wo es pädagogisches Konzept
ist, dass der Erziehende sein Privatleben soweit
wie möglich aufgibt und eigene Bedürfnisse
zurückstellt. Außerdem dort, wo Personen
in pädagogische Verantwortung kommen, die
emotional wenig stabil sind, ihre sexuelle Orientierung
nicht geklärt haben oder aus Machtbedürfnis
Abhängigkeitsbeziehungen ausnutzen und zudem
wenig vor- oder ausgebildet sind. Die Einflussmöglichkeit
durch ihre Position verführt dann leicht.
Hierbei denke ich besonders an den Sportbereich.
Pota: In allen Bereichen, wo eine
besondere Vertrautheit herrscht, kann es zu Missbrauch
kommen. Deshalb sind offene und emanzipierte bzw.
tragfähige Beziehungen so wichtig, die haltbar
und überprüfbar und von außen
transparent bzw. einsehbar sein müssen.
Wie erklären Sie die mangelnde Lobby für
Kinder in unserer Gesellschaft? Immerhin hatten
wir bis in die 70er Jahre noch die Prügelstrafe;
im Elternhaus noch länger, und heute zögert
der Gesetzgeber, gegen "traditionelle Gewalt"
in Migrantenfamilien vorzugehen. Wieso wurden
über so lange Zeit Erwachsene geschützt
auf Kosten von Kindern - der berühmte Schulleiter,
der geachtete Priester bzw. Lehrer versus die
missbrauchten Schüler mit angeblich zu viel
Phantasie?
Preiser: Es ist ein langer, mühsamer
Prozess, überkommene Erziehungseinstellungen
und -praktiken zu überwinden. Kinder sind
weder Produktionsfaktor noch wahlentscheidender
Faktor. Weder Wirtschaft noch Politik haben ein
unmittelbares Interesse, Lobby für Kinder
zu sein - zumal wenn sich das gegen Eltern und
Erzieher richten würde.
Drewes: Ich sehe das nicht so. Kinder
haben eine starke Lobby. Aber auch wir Erwachsenen
suchen nach Vorbildern, Personen, zu denen wir
aufsehen können, die fehlerfrei sind, die
uns Sicherheit und Orientierung geben. Dabei schauen
wir leider häufig nicht hinter die Kulissen
oder wollen die nicht wahrhaben, was sich dort
offenbart.
Pota: Meines Erachtens hatten Kinder
auf dieser Welt nie eine starke Lobby, im Gegenteil.
Wir kaufen Textilien, die Produkt von Kinderarbeit
sind, wir pflegen Beziehungen zu Ländern,
in denen es Kindersoldaten gibt, Scharen von Sextouristen
bedienen sich Jugendlicher und Kinder wie im Supermarkt.
Brauchen wir neben der verstärkten Unterstützung
für Opfer auch mehr Angebote für potenzielle
Täter?
Pota: Unbedingt. Projekte wie das
für Pädophile an der Charité
müsste es in vielen Städten geben. Statt
zu warten, bis jemand zum Täter wird und
man ihm dann in Haft eine Therapie anbietet, sollte
vielmehr präventiv gearbeitet werden. Das
beginnt allerdings bereits bei auffälligen
Jugendlichen, die andere quälen. Auch für
sie haben wir viel zu wenige therapeutische Möglichkeiten.
Sie müssen als Erwachsene nicht zu Tätern
werden, aber einige werden es, wenn sie keine
Chance bekommen, ihre eigene oft gewaltbeladene
Lebensgeschichte aufzuarbeiten.
Sollte der BDP, der bisher diesbezüglich
nicht angesprochen wurde, aktiv werden, was die
Teilnahme an dem geplanten Runden Tisch betrifft?
Pota: Der Runde Tisch hat mit seiner
Arbeit begonnen. Ich halte es für unbedingt
notwendig, in die Beratungen themenbezogen Psychologen
einzubeziehen. Dafür steht der BDP zur Verfügung.
Das Verhalten in einigen Einrichtungen grenzt
für mich an institutionalisierten Machtmissbrauch.
Erkennen Sie Ansätze für eine mutige
widerständige Gegenströmung z.B. in
der Kirche?
Preiser: Ja, Bewegungen wie "Wir
sind die Kirche" / "Kirche von unten",
aber auch viele Gemeinden, Pfarrer und einzelne
Bischöfe.
Drewes: Dort, wo Menschen idealisiert
und generell durch ihre Rolle erhöht und
überhöht werden, besteht m. E. die Gefahr
des Machtmissbrauchs. Ich denke, dass bestimmte
Strukturen Missbrauch verstärkt möglich
machen.
Welche Möglichkeiten sehen Sie, bereits
bei der Personalauswahl - sowohl bei Priestern
als auch im Bereich Schule - präventiv tätig
zu werden? Das Berliner Canisius-Kolleg will bis
Jahresende Handlungskonzepte zur Prävention
und Intervention vorlegen; inwiefern könnten
Psychologen daran sínnvoll mitwirken?
Drewes: Sicher bei der Auswahl aber
sicher noch mehr bei der Begleitung und Supervision.
Warum ist Supervision für Priester nicht
verpflichtend? Oder anders: Warum haben wir als
Verband das bisher nur für Lehrer und nicht
auch für Priester gefordert? Wir müssen
uns fragen, ob das für uns bisher auch "Heilige"
waren.
Lernen künftige Lehrer/Erzieher genug über
die Risiken von Nähe, über die Notwendigkeit,
Nähe und Distanz auszubalancieren?
Drewes: Nein, auch hier kann dies
nur über eine begleitende Supervision z.B.
für Berufsanfänger erfolgen, um ihre
Rolle zu finden und die richtige Nähe und
Distanz auszubalancieren.
Der Erzbischof von Wien hat jetzt angeregt, eine
stärkere Ursachenforschung zu betreiben bezogen
z.B. auf die Wirkungen des Zölibats, die
Persönlichkeitsentwicklung und Ausbildung
von Priestern.
Welche Forschungen gibt es denn bisher?
Drewes: Ich kenne keine. Es wird
Zeit, sich diesem Thema zuzuwenden.
Worin sehen Sie die Ursache für die Häufung
von jetzt bekannt gewordenen Fällen des Missbrauchs
von Jungen?
Preiser: Jungen sind als häufige
Opfer familiären Missbrauchs in der Wissenschaft
schon länger bekannt, werden aber in der
Öffentlichkeit als nicht so oder gar nicht
problembelastet wahrgenommen. In den Probleminstitutionen,
über die derzeit vor allem berichtet wird,
sind Ministranten und Sängerknaben überrepräsentiert,
möglicherweise auch in den Internaten, aber
dazu liegen mir keine Statistiken vor. Auf der
Gegenseite finden sich möglicherweise vermehrt
Personen mit problematischer Sexualentwicklung
und Defiziten in der familiären Bindung.
Ich unterstelle nicht, dass die Institutionen
das fördern, aber dass sie anziehend für
problembelastete Personen sind. Das muss bei Auswahl
und Ausbildung verstärkt berücksichtigt
werden.
Drewes: In der Öffentlichkeit
besteht m.E. noch kein Verständnis für
die Problematik des Missbrauchs bei Jungen. Dies
aus jetzt gegebenem Anlass stärker zu thematisieren,
halte ich für wichtig.
Pota: In der Erziehung von Jungen
gilt oft der Spruch "Ein Indianer kennt keinen
Schmerz". Sie haben es daher noch schwerer
als Mädchen, sich mit einer Sache, die besonders
weh tut, anderen anzuvertrauen. Außerdem
ist unsere Gesellschaft bei Vergewaltigungen und
Missbrauch auf der gleichgeschlechtlichen Ebene
schnell dabei, das Opfer abzustempeln und zu diskriminieren.
Wenn darüber jetzt offener gesprochen wird,
dann ist das ein Fortschritt.
Tritt der Verband für eine Verlängerung
der Verjährungsfrist bei Missbrauch ein?
Preiser: Von (politischen) Traumatisierungsopfern
wissen wir, wie wichtig für sie die öffentliche
Aufarbeitung von Schuld ist (nicht zwingend die
Bestrafung). Selbst wenn die Verjährungsfristen
nicht verlängert werden, muss es möglich
bleiben, auch lange zurückliegende Fälle
aufzuarbeiten
Wie erklären Sie das Bekanntwerden einer
solchen Vielzahl von Fällen jetzt? Hat das
möglicherweise mit dem Internet zu tun als
einem Ort, wo eine neue Form der Diskussion tabuisierter
Themen möglich wird? Ist das ohne Einschränkung
zu begrüßen?
Preiser: Neue Kommunikationsmöglichkeiten
erleichtern die Kommunikation; das ist zu begrüßen.
Allerdings auch für Vielschwätzer und
Denunzianten; hier liegen sicherlich Gefahren.
Drewes: Dies ist tatsächlich
einmal ein positiver Effekt der Medien und der
neuen Medien. Viele trauen sich nur deshalb zu
sprechen, weil es auch andere tun und weil sie
es endlich für wichtig finden, dies öffentlich
zu machen. Bisher scheint es auch noch kein Mitnahmeeffekt
zu sein, Entschädigungszahlungen zu erhalten.
Pota: Ich begrüße die
offene Diskussion im Internet, aber damit ist
bestenfalls ein Anstoß geleistet. Die eigentliche
Debatte über Gewalt in unserer Gesellschaft,
über Strukturen, über den Umgang miteinander,
über die Aufmerksamkeit, die wir Kindern
widmen und ihren Anspruch auf Zuwendung, Versorgung,
Erziehung und Reifung ernst nehmen, müssen
wir noch in vielen Bereichen führen.
Das Gespräch führte Christa Schaffmann.
* Stefan Drewes ist Vorsitzender der BDP-Sektion
Schulpsychologie, Prof. Siegfried Preiser Vorsitzender
der Sektion Politische Psychologie.
Text zur freien Verwendung mit Quellenangabe:
Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen
Christa Schaffmann
Pressesprecherin
Tel. 030 - 209 166 620
c.schaffmann@bdp-verband.de

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